Erinnerungskultur „von unten“: Start der Onlineausstellung „Erinnerungsort Wulkow“

22. Mai 2024

Nach Grußworten von Darius Müller, Leiter des Bildungs- und Begegnungszentrums Schloß Trebnitz; sowie Partnerschaftsbeauftragter des Landes Brandenburg für Wielkopolskie / Großpolen, Brigitte Faber-Schmidt, Abteilungsleiterin Kultur im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie Tomáš Kafka, Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin führte Nils Weigt, Mitbegründer des Arbeitskreises in das Thema und die Ausstellung ein. Anschließend ergriff Rebecca Segal, Tochter des Wulkower Häftlings Herbert Kolb, das Wort und berichtete von den Erfahrungen ihres Vaters bei Ankunft im Lager. Die ehemaligen Häftlinge sowie ihre Angehörigen kamen auch bei einem kurzen Film zu Wort, den der Arbeitskreis zusammengestellt hatte.

Nach einer Pause fand zudem eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Erinnerung im ländlichen Raum statt. Teilnehmer:innen waren Bernd Pickert (Geschichte hat Zukunft – Neuendorf im Sande e.V.), Deborah Hartmann (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz), Kornelia Kurowska (Taharahaus Olsztyn) sowie Vertreter:innen des Arbeitskreises. Diese betonten: „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Verbrechen des Nationalsozialismus ist vor dem Hintergrund aktueller Krisen und erstarkender antidemokratischer Kräfte heute wichtiger denn je.“

Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Liane von Billerbeck und musikalisch begleitet von Maren Rahmann.

Baustelle, Zwangslager, Täterort – was war Wulkow?

So fragen wir eingangs in unserer Onlineausstellung. Wulkow war und ist erst einmal eine kleine ruhige Gemeinde. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war es mit dieser Ruhe vorbei. In den Wäldern am Ortsrand, geschützt vor den Aufklärern und Bombern der Alliierten, entstand eine Ausweichdienststelle für das Reichssicherheitshauptamt, genauer für die Gestapo. Errichtet wurde sie von als Jüdinnen:Juden verfolgten Menschen, die eigens aus dem mehr als dreihundert Kilometer entfernten Ghetto Theresienstadt dorthin verschleppt wurden. Wulkow schien unter anderem wegen einem dort bereits verlaufenden Nachrichtenkabel sowie der Nähe zur Ostbahn besonders geeignet zum Bau einer Ausweichstelle.

Überall um Berlin, aber zum Teil auch weiter entfernt befanden sich irgendwelche SS-Dienststellen, die aus Berlin heraus verlegt wurden, zum Beispiel in Müncheberg das SS-Personalhauptamt. Etwas weiter entfernt, in den Rauener Bergen bei Fürstenwalde mussten hunderte KZ-Häftlinge einen Nachrichtenbunker für die SS bauen. Der ländliche Raum Brandenburgs war gegen Kriegsende fest in der Hand der SS mit allen negativen Konsequenzen vor allen für diejenigen, die für die SS in Zwangsarbeit diese Dienststellen errichten mussten.

Am 2. März 1944 verließ ein Zug mit etwa 200 Personen sowie dutzenden Waggons mit Baumaterial das Ghetto Theresienstadt im deutschen besetzten sogenannten „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“. Wenige Stunden später und nach einer Zugfahrt voller Ungewissheit und Bangen, dass es nicht in die Vernichtungslager „im Osten“ gehen würde, kam der Zug am Bahnhof Trebnitz an. Die erste Nacht schliefen die Häftlinge unter freiem Himmel.

Die Verantwortung für den Bau in Wulkow hatte das sogenannte Eichmann-Referat, also jener Kreis an NS-Tätern die maßgeblich die Massendeportationen von Juden und Jüdinnen in die Vernichtung organisierten. Eichmann selbst war nachgewiesenermaßen anfangs mehrfach in Wulkow. Aber auch viele andere NS-Größen besichtigten die Baustelle regelmäßig – genau beobachtet von den jüdischen Zwangsarbeiter:innen wie Ota Růžička:

Einmal haben wir auf der Albrechtshöhe gearbeitet, näher an der Straße. Es war am Nachmittag. Plötzlich kam ein Auto aus Wulkow und zwei SS-Generäle stiegen aus, einer mit drei Eichenblättern am Kragen, der andere mit zwei.“

Von einem Posten erfuhren sie in der Folge, dass es Heinrich Müller, der Chef der Gestapo war. Im Sommer 1944 bezogen die ersten Gestapo-Offiziere ihre neuen Büros. Geplant war die Ausweichdienststelle insgesamt für 1000 Mitarbeitern. Ungefähr zur gleichen Zeit im Sommer 1944 war es auch, als das Häftlingslager in der noch heute sichtbaren Sandgrube am Wulkower Ortsrand nach einem weiteren Transport aus Theresienstadt sich als zu klein erwies und umziehen musste.

Die Häftlinge kamen aus dem deutsch besetzten Tschechien, aus Österreich und dem „Altreich“. Knapp zehn Prozent waren Frauen. Viele der männlichen Häftlinge hatten bereits im Ghetto als Handwerker gearbeitet. Der Arbeitseinsatz in Wulkow versprach ihnen und ihren Familien in Theresienstadt Schutz vor den Massendeportationen in die Vernichtung.

Zwischen dem 28. September und dem 28. Oktober 1944, innerhalb von einem Monat, wurden etwa 18.400 Menschen von Theresienstadt aus nach Auschwitz II-Birkenau deportiert. Von ihnen überlebten nur 1.574. Die Wulkower, wie sich die Häftlinge nach der Befreiung nannten und ihre Angehörigen entgingen diesen Massendeportationen zum größten Teil.

In Wulkow selbst ist nachweislich niemand gestorben. Wer zu schwach zum Arbeiten war, wurde von dem gefürchteten SS-Obersturmführer Franz Stuschka aus Wien, einem engen Mitarbeiter Adolf Eichmanns nach Theresienstadt zurückgeschickt und von dort in die Vernichtung deportiert. Dies betraf 108 Personen. Hinzu kamen 45 Personen, die Stuschka als Strafe für geringste Vergehen nach Sachsenhausen oder in die Kleine Festung nach Theresienstadt – ein berüchtigtes Gefängnis der Prager Gestapo – verschleppen ließ. Mindestens 20 Personen habe diese Orte nicht überlebt.

Der digitale Erinnerungsort

Der Erinnerungsort Wulkow ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Zugänglich ist er auf deutsch, englisch und tschechisch.

In „Das Lager“ erfährt die Besucherin den nötigen Hintergrund zum Außenlager Wulkow und kann sich auf mehreren Kartenebenen selbstständig die Lagerspuren erschließen. Außerdem gibt es hier drei Kapitel, unter anderem um die Zusammenhänge zwischen Wulkow und dem Ghetto Theresienstadt zu verdeutlichen.

Im Kapitel „Erlebtes“ stehen die Erfahrungen der Häftlinge im Mittelpunkt; im Kapitel „Nach 1945“ geht es nicht nur um die juristische Aufarbeitung.

Das Herzstück unserer Ausstellung sind jedoch die bisher erforschten fünfzehn Biographien, wie jene von Albert Youngman, dessen Sohn und Enkel aus den USA zugeschaltet waren. Das KPÖ-Mitglied Youngman ist nach der Befreiung in die Wiener Kriminalpolizei eingetreten und war maßgeblich an der Verhaftung des Lagerkommandanten Stuschka beteiligt. Youngman hat ihn persönlich verhört sowie zahlreiche Zeugenaussagen seiner Mitgefangenen aufgenommen.

Am 15. Dezember 1949 begann die Hauptverhandlung vor dem Wiener Volksgericht. Zwei Tage später wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Bereits Anfang 1951 war Stuschka unter Anrechnung der Untersuchungshaft und zunächst auf Bewährung wieder in Freiheit. Wie so oft wurden NS-Täter nicht ihrer gerechten Strafe zugeführt.

Der Arbeitskreis

Als wir vor drei Jahren begannen, zu Wulkow zu forschen, konnten wir auf Recherchen und Erinnerungsaktivitäten aus den 1990er Jahren aufbauen. Diese waren maßgeblich von der RAA Strausberg e.V. vorangetrieben worden.

2021 gründete sich der Arbeitskreis Wulkow aus der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist:innen heraus. Anfangs aus drei Personen bestehend, sind wir heute zu neunt.


Von links nach rechts: Manuela Schönberg, Samuel Signer, Doreen Arndt, Tanja Kinzel, Kira Güttinger, Gabi Manns, Ralf Dannowski, Nils Weigt und Sophie Preibisch (nicht auf dem Bild).

Wir leben und wirken in Wulkow, Müncheberg, Strausberg und Berlin und haben ganz unterschiedliche Hintergründe. Was uns eint, ist der Wille, die Erfahrungen der Häftlinge in Wulkow nicht zu vergessen und darüber hinaus mit unserem Engagement eine lebendige antifaschistische Erinnerungskultur auf dem Land zu stärken, gerade in diesen Zeiten.

Politiker:innen betonen gern, wie erfolgreich die bundesdeutsche Erinnerungskultur ist. Diese musste aber gegen Widerstände erstritten werden von kleinen Geschichtsinitiativen und Geschichtswerkstätten unter dem Motto „Grabe, wo du stehst“. In dieser Tradition verorten wir uns als Arbeitskreis. Nur weil es jetzt die Homepage gibt, ist die aktive Erinnerung an Wulkow nicht vorbei. Am langjährigen Kampf von Überlebenden um die sogenannte Ghettorente waren auch Wulkower Häftlinge beteiligt. Diese Kämpfe zeigen, wenn es um konkrete materielle Entschädigung geht, hat sich Deutschland zu oft aus der Verantwortung gestohlen. Nur ein Beispiel: Die Kosten der Familienangehörigen, die zum Teil von sehr weit her angereist sind, haben sie selber getragen, weil es in keinem uns bekannten deutschen Fördertopf Gelder dafür gibt.

Text und Fotos: Arbeitskreis Wulkow

Kundgebung am 20. April in Strausberg: Eine Gefahr für uns alle – AfD-Verbot jetzt!

3. April 2024

Im Rahmen des Aktionswochenendes „Zusammen gegen Rechts“ rufen wir zur Kundgebung am 20. April um 17 Uhr am Marktplatz Strausberg auf: „Eine Gefahr für uns alle – AfD-Verbot jetzt!“

Seit Jahren hetzt die AfD in den Parlamenten, den sozialen Medien und auf der Straße. Ihre Akteur*innen suchen den Schulterschluss zu verschiedenen extrem rechten Kräften oder sind fest in ihnen verankert. Neonazis in der Partei sind lange keine Einzelfälle mehr, sondern vielmehr fester Bestandteil. Die AfD will seit Jahren rigoros abschieben und tritt das Grundrecht auf Asyl mit den Füßen. Die AfD will Selbstbestimmungsrechte von Frauen beschneiden, schwächt die Position von Arbeitnehmer*innen und tritt immer wieder nach unten, auf die Schwächsten der Gesellschaft.

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Gemeinsam mit breitem Bündnis: Klare Kante gegen rechts!

22. März 2024

Am 21. Januar organisierte der Kreisverband der VVN-BdA Märkisch-Oderland zusammen mit der Linken Strausberg und der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Märkisch-Oderland eine Kundgebung unter dem Titel „Zusammen den Rechten entgegen!“. Damit schlossen wir uns den bundesweiten Protesten gegen die AfD und den Rechtsruck an, die in Folge der Veröffentlichung der Correctiv-Recherche entstanden. Trotz kurzer Mobilisierungszeit von nur wenigen Tagen folgten unserem gemeinsamen Aufruf etliche Menschen. Kurz vor dem Kundgebungsstart war der Platz in der Strausberger Altstadt schon voll und es kamen immer noch mehr Menschen dazu. Am Ende waren über 2.000 Menschen aus Strausberg und der ganzen Umgebung zusammen mit uns auf der Straße – eine der größten Kundgebungen, die je in Strausberg stattfand.

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Pressemitteilung des Landesverbands „KEINE FASCHISTEN IN DIE PARLAMENTE!“

27. Januar 2024

Am heutigen Tag, dem 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus startet die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, VVN-BdA die Kampagne „KEINE FASCHISTEN IN DIE PARLAMENTE!“.

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Zusammen den Rechten entgegen!

18. Januar 2024

Wir wollen am Sonntag, den 21. Januar zusammen in Strausberg auf die Straße gehen und auch hier klare Kante gegen Rechts zeigen. Vor einigen Tagen wurde durch eine Correctiv-Recherche bekannt, dass hochrangige AfD-Funktionäre gemeinsam mit Neonazis und Unternehmern bei einem geheimen Treffen in einem Potsdamer Hotel Pläne zur Deportation von tausenden Menschen geschmiedet haben. Seit dem Bekanntwerden dieser Deportationspläne sagen Menschen überall: Es reicht! Die AfD ist eine faschistische Kraft und wir dürfen nicht zulassen, dass sie ihre menschenverachtenden Pläne in die Tat umsetzt. Weit über 115.000 Menschen waren bereits auf der Straße, um dem entgegen zu treten. Dem schließen wir uns an.

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Bericht zum Antifaschistischen Wanderwochenende in Wulkow 2023

9. November 2023

Bereits zum dritten Mal fand in diesem Jahr das Antifaschistische Wanderwochenende rund um Wulkow statt. Wulkow ist ein kleiner Ort in Märkisch Oderland, etwa 50 km von Berlin entfernt. Hier befand sich zwischen März 1944 und Februar 1945 ein Außenlager des Ghettos Theresienstadt. Seit 2020 gibt es Bemühungen durch die VVN-BdA Märkisch-Oderland und den Arbeitskreis Wulkow, sich diesem Ort zu nähern und an ihn zu erinnern.

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VVN-BdA solidarisch mit den Opfern des antisemitischen Massakers

16. Oktober 2023

Wir sind in tiefer Trauer über die vielen Toten der letzten Tage und die grauenhafte Gewalt, die diese Woche überschattet. 700 Frauen, Kinder und Männer wurden in ihren Wohnungen hingerichtet, entführt, vergewaltigt und durch die Straßen gezerrt. Wir verurteilen den Terror der islamistischen Hamas und den Antisemitismus, der sich in diesen Tagen – nicht nur im Nahen Osten – Bahn bricht. Wer die Gewalttaten der letzten Tage „feiert“, sich über den Tod hunderter Menschen freut und ihn als „Befreiung“ tituliert, stellt dadurch seine Menschenverachtung zur Schau. Wir sind in Gedanken bei allen Menschen in Israel und in Gaza, die bei Bombenangriffen getötet und verletzt wurden. Unsere Anteilnahme gilt auch jenen, deren Angehörige und Freund*innen sich derzeit in der Gewalt der Hamas befinden.

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Viel Aufmerksamkeit für Gedenkveranstaltung

14. September 2023

Bei hochsommerlichem Wetter trafen sich mehr als 50 Teilnehmer_innen am OdF-Ehrenhain in Strausberg. Wie jedes Jahr am 2. Sonntag im September gedachten sie der Opfer des Faschismus mit einer würdigen Veranstaltung.

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Tag der Opfer des Faschismus 2023

2. September 2023

Liebe Mitglieder und Freund:innen des Kreisverbandes der VVN-BdA Märkisch-Oderland,

unser Kreisverband führt am 10. September 2023, um 10.00 Uhr seine jährliche Gedenkveranstaltung zum Tag der Opfer des Faschismus durch. Veranstaltungsort wird der Gedenkstein für die Opfer des Faschismus in der Wriezener Straße (hinter dem Bonhoeffer-Seniorenheim) in Strausberg sein.
Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung werden neben dem Gedenkstein zwei Informationstafeln enthüllt, die Auskunft zur Geschichte des Denkmals geben und die Entwicklung der Gedenkkultur darstellen.
Zu dieser Veranstaltung möchten wir dich herzlich einladen.

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Antifaschistischer Protest in Müncheberg

31. August 2023

Mit nur wenigen Tagen Vorlauf gelang es uns gemeinsam mit dem Bündnis „Müncheberg ist bunt!“ sowie weiteren antifaschistischen Akteur*innen eine Protestkundgebung in Müncheberg zu organisieren. Anlass des Protests war eine Versammlung der AfD mit zwei extrem Rechten Bundestagsabgeordneten am Marktplatz.

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